Geschrieben von: Roland Waltenspül   

 

1971 – Als das kleine runde Leder laufen lernte

 

Nach ersten Gehversuchen an den Kreisspieltagen, machte sich zu Beginn der 70er-Jahre eine wackere Schar von jungen Turnern auf, das Spiel mit dem kleinen runden Leder zu erlernen. Der Hauptinitiator, Benno Bütler, überwand trotz grossem Widerstand seitens des Stammvereins etliche hohe Hürden. Er meldete erstmals eine Mannschaft in der 4. Liga und ging mit zehn Murianer- und sieben Gastspieler von Beinwil auf Punktesuche. Leider ohne Erfolg, gab es doch keinen einzigen Sieg zu feiern. Das Unterfangen gestaltete sich insgesamt als enorm schwierig und die Neu-Handballer mussten oft zu unkonventionellen Mitteln greifen. So trainierte man anfänglich zusammen mit den Turnern sehr gedrängt in der Einfachturnhalle des Badweiherschulhauses. In den Sommermonaten konnte man bei trockener Witterung wenigstens auf die Spielwiese und den Sandplatz ausweichen.

 

Und dann gab es ja noch den Klosterhof, wo man Sommer und Winter auf dem Asphalt traineren konnte. Damit dies überhaupt möglich war, hatte man auf dem unebenen Asphaltplatz auf eigene Kosten ein Handballfeld markiert. Hinter dem Tor wurde dann jeweils ein Volleyballnetz gespannt, damit die Torhüter die Bälle nicht bei jedem Fehlschuss in der Weite des Hofes suchen mussten. Auch bei den Finanzen ging man vorerst besondere Wege. Ein Gründungsmitglied weiss zu berichten: „Wenn wir nach dem Training noch kurz in die Wirtschaft gingen, musste jeder zehn Prozent seiner Konsumation in die Vereinskasse legen.“

 

1974 – Auf zu grossen Taten!

 

Mit dem Engagement von Bernd Welm als Spielertrainer des „Eis“ wurde der Aufstieg der Klosterdörfler Handballer eingeläutet. Der ausgewiesene Handballfachmann mit Nationalliga-Erfahrung brachte mit seinem Wissen und nicht zuletzt mit seinem „Bombenschuss“, Waffenschein inklusive, den nötigen Schwung in den Dorfverein. Gleich im ersten Jahr unter Spielertrainer Welm, der vom TV Zofingen ins Freiamt zog und auch vom TV Wohlen umworben wurde, schaffte das Fanionteam in der Saison 1973/74 den Aufstieg in die 3. Liga. Nur ein Jahr später doppelte der TVM nach und feierte den Sprung in die 2. Liga. Für die folgenden drei Jahre kämpfte das Team in der höchsten regionalen Spielklasse um Punkte. Mit dem Erfolg der ersten Mannschaft wurde das Interesse im Klosterdorf am Handballsport weiter geweckt. Nur vier Jahre nach der Gründung konnte der Verein 1975 bereits vier Teams zur Meisterschaft melden, je zwei Aktiv- und Junioren-Mannschaften. Was bei den Aktiven seinen Anfang nahm, trug schnell auch im Nachwuchsbereich seine ersten Früchte. Den Junioren A gelang in der Saison 1975/76 der Aufstieg in die höchste Juniorenklasse der Schweiz. Nach einem Jahr Schnuppern an der nationalen Handballluft musste die Mannschaft aber wieder in den sauren Apfel beissen und meldete sich zurück in regionalen Gefilden.

 

1978 – Die Bachmatten-Halle steht!

 

Nachdem der TV Muri Handball in seinen Anfängen die Sommermeisterschaftsspiele auf der Wiese des Badweiherschulhauses oder auf dem Klosterplatz und in der Wintermeisterschaft die Heimspiele in der Junkholzhalle in Wohlen austragen musste, freute sich der ganze Verein auf die Dreifachturnhalle in der Bachmatten. Gleichzeitig mit dem Bezug der neuen Halle entliess der Stammverein 1978 die Handballer in eine kontrollierte Unabhängigkeit. Ein Handballer-Reglement wurde an der Generalversammlung des Stammvereins verabschiedet. Für den Klosterdörfler Handballverein stand nun eine neue Epoche vor der Tür. Endlich konnte der TVM im eigenen Dorf seine Heimpartien absolvieren. Die neue Halle zusammen mit dem treuen Publikum trug die Mannschaft unter Spielertrainer Felix Kleiner nach einem Jahr in der Dritten wieder in die 2. Liga. Das Zuschauerinteresse wuchs dabei von Spiel zu Spiel. Unvergesslich waren und sind auch heute noch die unzähligen und spannungsgeladenen Freiämter-Derbys zwischen dem TV Muri und dem TV Wohlen.

 

1979 – Frauenpower!

 

Der sportliche Höhenflug der Männer inspirierte 1979 auch das andere Geschlecht, dem kleinen runden Leder hinterher zu jagen. Unter Leitung des Trainergespanns Rainer Lüthi und Roland Galliker stand die Gründung der ersten Frauen-Mannschaft unter einem guten Stern. Bereits 1981 schaffte das Team den Aufstieg in die 2. Liga. Besonders stolz ist der TV Muri Handball auf die spätere Nationalspielerin Josy Beer, die das Handball-ABC im Klosterdorf erlernt hatte.

 

1982 – Hunderter Grenze geknackt!

 

Seit 1971 hat sich der TV Muri Handball stetig weiter entwickelt. Immer mehr Sportbegeisterte wollten sich im Handballsport versuchen. Elf Jahre nach der Gründung hat der TVM sein 100. Vereinsmitglied, Hub Boesten, aufgenommen. Gleichzeitig wuchs auch die Anzahl der verschiedenen Mannschaften kontinuierlich. 1984 spielte das Fanionteam weiterhin in der 2. Liga. Das „Zwoi“ kämpfte sich eine Spielklasse tiefer auf Rang Vier und der TV Muri 3 erspielte sich in der 4. Liga einen Mittelfeldplatz. Die Damen vermochten nach dem Aufstieg in der 2. Liga nicht richtig Fuss zu fassen und stiegen postwendend wieder ab. Auch beim weiblichen Geschlecht konnte neben dem „Eis“ eine weitere Mannschaft für die 3. Liga-Meisterschaft gemeldet werden. Die Junioren A und B fröhnten ihrem Hobby jeweils in der Meisterklasse, konnten aber noch nicht in der Spitze mitreden. Besser lief es den Jüngsten, die in der C-Promotion-Klasse in der vorderen Tabellenhälfte klassiert waren. In den folgenden Jahren pendelte sich der Mitgliederbestand bei um die 120 Handballern ein.

 

1992 - Aufbruchstimmung

 

Auf der sportlichen Bühne durchschritt der TV Muri Handball von Mitte der 80er- bis Anfangs der 90er-Jahre eine schwierige Phase. In dieser Zeit betätigte sich das „Eis“ als eigentliche Liftmannschaft und hüpfte zwischen der 3. und 2. Liga hin und her. In der Saison 1991/92 musste das Team nach nur einem Jahr in der 2. Liga wieder einmal zurück in die Dritte. Viele Spielerabgänge und ein Mangel an Junioren manövrierte den Verein in eine heikle Situation. Die Konkurrenz aus anderen Sportarten war vermehrt zu spüren. So wagte man die Flucht nach vorn, konzentrierte die Kräfte auf den Nachwuchs und strukturierte 1992 den Juniorenbereich neu. Stefan Winiger leitete nun als Spielertrainer die Geschicke der ersten Mannschaft und arbeitete zusammen mit seinen Schützlingen an einem Neuaufbau. Im Nachwuchsbereich wurde 1994 eine polysportive Ballspielgruppe gegründet. Urs Parolo übernahm die wichtige Arbeit an der Basis. Durch die Minihandballer wuchs der Mitgliederbestand markant und überschritt ein Jahr später bereits die 200-er Grenze. Der neue, polysportive Gedanke stellte einerseits die Nachwuchsförderung auf gesunde Beine und andererseits erhielt der Verein eine entscheidenden Motor für die Zukunft. Die Aufbruchstimmung war im ganzen TV Muri Handball zu spüren.

 

1996 – 25 Jahre TV Muri Handball

 

„Wir haben jeden Zirkus in ganz Europa getestet und mit Nock den besten ausgewählt!“ hallte es durch die Zirkusarena. Hans-Matthias Käppeli, damaliger Präsident des TVM, führte durch einen ganz besonderen Abend. Der klosterdörfler Handballverein feierte mit einer gelungenen Gala sein 25-jähriges Bestehen. Ein Schuss Nervenkitzel mit einer Raubtier- und Trapeznummer, ein wenig Nostalgie und zahlreichen Anektoten aus der Clubgeschichte machten den Abend in ungewöhnlicher Umgebung zum Erlebnis. Zu einem bereits legendären Paukenschlag holte der neue Trainer des „Eis“, Camil Festic, aus: Seine Worte „Ich will mit der ersten Mannschaft in die 1. Liga“ sorgten für viel Diskussionsstoff im Klosterdorf. Trotz verschiedenster Stimmen ging der ehemalige Weltklassehandballer unbeirrt seinen Weg, glaubte an seine und die Fähigkeiten der Mannschaft und schaffte nach einem Zwischenjahr in der 2. Liga den vielumjubelten Aufstieg aufs überregionale Handballparkett.

 

2000 – Nationalliga B, wir kommen!

 

Die Ideen und Visionen von Camil Festic riefen an vielen Fronten ein ungläubliges Kopfschütteln hervor. Doch der Verein und das Fanioteam als Aushängeschild entwickelten sich in der 1. Liga Schritt für Schritt weiter. Vieles wurde auf professionellere Beine gestellt und konsequent wurde an der Zukunft gefeilt. Wer hätte gedacht, dass die erste Mannschaft einmal für eine Woche an die kroatische Küste ins Trainingslager verreist? Der Glaube ans Unmögliche setzte sich langsam aber sicher in den Köpfen der Spieler und Verantwortlichen fest und knapp vor der Jahrtausendwende klopfte der TV Muri zum ersten Mal an der Nationalliga B an. Doch in der entscheidenden Barrage gegen den B-Ligisten HC Horgen mit dem ehemaligen Schweizer-Internationalen René Barth tauchten die Freiämter vorerst. Doch bereits eine Saison später ging der grosse Traum in Erfüllung. In einem unvergesselichen Spiel vor über 800 Zuschauern in der Bachmattenhalle schaffte der TV Muri gegen Fortitudo Gossau den Aufstieg ins Oberhaus. Die Saison 2000/2001 wird für immer in den Analen des TV Muri verewigt sein. Nicht nur das „Eis“ zeigte sich von der besten Seite, auch die Junioren und Juiniorinnen A präsentierten sich in der Inter-Klasse und die Junioren-C-Equipe schaffte ebenfalls den Sprung auf die Schweizer Handballbühne. Die Damen hielten sich ein weiteres Jahr in der 2. Liga und das Herren-Zwoi drängte in der 3. Liga höheren Zielen entgegen.

 

Weltklassehandball in der Bachmatten

 

Auch neben dem Spielfeld hat sich der TV Muri einen klangvollen Namen erarbeitet. Angefangen hat alles mit der Organisation von internationalen Freundschaftsspielen in der altehrwürdigen Bachmattenhalle. 1994 begann die Erfolgsgeschichte mit dem Duell zwischen Pfadi Winterthur und USAM Nimes aus Frankreich. Beinahe weltberühmt wurden die Feste nach dem Abpfiff, wo Spieler, Funktionäre und Handballfans hautnah mit ihren Stars über Gott und die Welt plaudern konnten. Jackson Richardson, damals einer der weltbesten Handballer, war zusammen mit seinem Team Olympic Marseille 1995 Gast im Freiamt und genoss die unkomplizierte und fröhliche Stimmung auf und neben dem Spielfeld. Ein Jahr später musste der ganze Verein gleich zwei Tage in die Hosen und organisierte für Pfadi Winterthur erst ein Meisterschaftsspiel gegen den RTV Basel und einen Tag später folgten drei Spiele im Rahmen des Yellow-Cups. Die Schweizer Nati, RK Split und IF Helsinger spielten damals je einmal gegeneinander.

 

Unvergesslich wird für Zuschauer und Spieler selber auch die Begegnung des TV Muri Selection mit der Aegyptischen Nationalmannschaft bleiben. Handballgrössen wie Peter Hürlimann und Beat Rellstab streiften das Trikot des TVM über und kämpften 1997 zwischen Weinacht und Neujahr Seite an Seite mit unserem „Eis“ gegen die aufstrebende Handballnation aus Ägypten. 1998 zogen die Murianer nochmals alle Register, realisierten erst das Meisterschaftsspiel zwischen den Grasshoppers aus Zürich und Pfadi Winterthur, im Sommer folgten die Länderspiele der U19 zwischen der Schweiz und Deutschland beziehungsweise zwischen Griechenland und Ungarn und zum Abschluss dieses Jahres mit Spitzenhandball in der Bachmatten kreuzten die Nationalmannschaften der Schweiz und Ägypten ihre Klingen. Zwischen 1999 und 2001 setzte der Verein nochmals einen Höhepunkt und stellte den Supercup auf die Beine. Der Schweizermeister und der Cupsieger ermittelten jeweils vor grossartiger Zuschauerkulisse, wer die beste Mannschaft in der Schweiz war.

 

2004 – Der Glaube an Visionen

 

In der Nationalliga B angekommen liess sich der Verein nicht zu finanziellen Abenteuern hinreissen und versuchte auf wie neben dem Feld, den bewährten Kräften zu vertrauen. Oft fehlte der Mannschaft von Camil Festic nur wenig zur Ueberraschung, doch nach einem Jahr in der Oberliga musste der TVM in den sauren Apfel beissen und stieg wieer in die 1. Liga ab. Auch eine ertragsreiche Beziehung hat einmal ihr Ende: Camil Festic und der TV Muri trennten sich nach acht Jahren bester und erfolgreicher Zusammenarbeit und suchten jeder für sich neue Ziele und Herausforderungen.

 

Mit Martin Pauli kam erneut ein ausgewiesener Handballfachmann ins Oberfreiamt. Im ersten Jahr unter dem ehemaligen Assistenz-Coach der Nationalmannschaft mussten sich Spieler und Trainer an die neue Situation gewöhnen und zeigten auf dem Spielfeld durchschnittliche Leistungen. Doch der handballverrückte Pauli liess sich durch eine durchzogene Saison nicht beirren und wagte den Schritt nach vorn. Er erarbeitete ein neues, wegweisendes Juniorenkonzept mit ehrgeizigen Zielen. Die Verantwortlichen des TVM liessen sich schnell überzeugen und investierten nicht in einzelne Spieler, sondern in den Nachwuchs und das entsprechende Konzept. Zusammen mit Volker Hage und zahlreichen bewährten Kräften wagte man im Sommer 2004 den Sprung ins kalte Wasser. Die Jungtalente haben nun die Möglichkeit, nach eigener Wahl, täglich zu trainieren. Und siehe da, das neue Nachwuchskonzept trug bereits erste Früchte. Innert kurzer Zeit machten die Teams des TV Muri Handball in den verschiedenen Junioren-Klassen einen merklichen Sprung nach vorne. Die erste Mannschaft des TVM wird durch zahlreiche Routiniers geprägt, welche mithelfen, die Zeit, bis das Nachwuchskonzept greift und die ersten Talente den Sprung ins Team schaffen, zu überbrücken. Nach einem trägen Saisonstart hat sich die Mannschaft gewaltig gesteigert, wirkt taktisch gereift und klopft heute erneut an den Aufstiegsspielen Richtung Nationalliga B an. Der Klosterdörfler Handballverein hat seit seiner Gründung im Jahr 1971 mit kleineren Verschnaufspausen stets einen Schritt vorwärts gemacht und blickt auch heute gestärkt in die Zukunft.